Erinnerungen an Deutsches Demokratisches Republikleben
Ein szenisch-musikalisches Theaterprojekt


Text, Kompositionen und Gestaltung: Herbert A. Mitschke
Ein Auftragswerk des "Zentrum für verfolgte Künste" Solingen

Im Gedenken an meinen Vater Artur
Für Jonas und Sabine


Akteure:
Ruthilde Holzenkamp, Akkordeon
Herbert A. Mitschke, Akteur und Flötist

Mitwirkende:
Bodo Primus, Sprecher der dokumentarischen Texte
Ludwig Hetfeld, Licht und Ton
Kostas Papakostopoulos, Regie

Zeitvergleich

Nachdem Herbert A. Mitschke 1988 illegal aus der DDR in die Bundesrepublik gekommen war, begann er sich auf Anregung eines Redakteurs des Deutschlandfunks Köln intensiv mit der Geschichte des Vaters zu beschäftigen. Der Vater hatte ihm zwar noch zu Lebzeiten viele Erlebnisse geschildert, jedoch gab es mit der Unterstützung des besagten Redakteurs vielleicht noch viel mehr zu erfahren. Leider verlief das Projekt im Sande, so dass das Material über mehr als 25 Jahre liegen blieb. Erst als er in den letzten zwei, drei Jahren mehrere Bücher in die Hand bekam, in denen von den massiven Stasiverfolgungen, die die Geraer Künstler und der Autor selbst besonders in den frühen 80ern erleiden mussten, entschloss er sich, das Projekt wieder aufzunehmen. Etwa zeitgleich mit diesem Entschluss wurde - auf jahrelanges energisches Betreiben der Wuppertaler "Else-Lasker-Schüler-Gesellschaft" mit ihrem Vorsitzenden Hajo Jahn - das "Zentrum für verfolgte Künste" in Solingen ins Leben gerufen. Der Autor nahm Verbindung mit Herrn Dr. Jessewitsch, dem Leiter des "Zentrum", auf und stieß auf lebhaftes Interesse. So kam es zu einem Entwicklungs- und Gastspielvertrag für das Projekt "KUMPELTOD oder GESPALTENE ZUNGE".

  Buchveröffentlichungen Stasi, Gera, Herbert A. Mitschke, Martin Morgner, Kasper kontra Mielke

Vater

Artur Mitschke, Fotoapparat, Schlesien, Brasilien, Stasi, Bergmann

Geboren 1902 in Schlesien, war Artur sehr früh auf sich allein gestellt. Mit 16 Jahren entfloh er dem prügelnden Stiefvater. Ging als Kriegshelfer nach Brest-Litowsk, dann als Bergarbeiter-Lehrling ins Ruhrgebiet. 1923 wanderte er nach Brasilien aus. Arbeit als Holzfäller, als Irrenwärter, als Fakir (Bild links) und als Leichensezierer. Ausbildung zum Flugzeugmotorenschlosser. Blieb dort 14 Jahre. Bis die Nazis ihn 1937 in Argentinien für die Arbeit in einem Berliner Flugzeugwerk anwarben. 1938 Heirat in Berlin. Einberufung zur Luftwaffe. STUNDE NULL. Neubeginn. 1949 DDR-Gründung. Überzeugter Kommunist. Bergmann im Uran-Bergbau. Aktive Arbeit für die politischen Ziele der Parteiführung. Dann im Visier der Stasi. Verhöre und Schikanierungen. Trotzdem verliert er nicht den Glauben an den Sozialismus. "Das sind doch nur dumme Stasi-Jungs, die vom Sozialismus nichts begriffen haben." Die meisten seiner acht Kinder können diese starre Haltung nicht verstehen, ja, sie lehnen sie sogar teilweise ab. Der Alltag in der DDR ist zu deutlich geprägt von Schikanen und Bevormundung, als dass man daran glauben konnte, dass dieses gesellschaftliche Konzept Bestand haben könnte. Stirbt 1975. Ungeklärte Todesursache (Staublunge? Nierenversagen? Strahlenkrankheit?).

Sohn

Herbert A. Mitschke, Querflöte, Musiker, Komponist, Stasi, Kaspariade

Bereits als 6-jähriger begann Herbert mit dem Geräteturnen. Mit 9 wurde er als Leistungsturner an eine Kinder-und Jugendsportschule delegiert. Berufung in den DDR-Olympiakader für München 1972. Der Vater sagte: "Wenn du das schaffst, dann hast du die Mauer überwunden." - Es war mental nicht zu schaffen. Der Frust und die Enttäuschung über mangelnde Freiheit und Selbstständigkeit als Internatsschüler und Leitungssportler verhinderten einen Wiedereinstieg ins Training nach einer schweren Rückenverletzung. Dann "überfiel" ihn die Musik oder er sie? Die Querflöte begeisterte ihn dermaßen, dass er sich entschloss, Musik statt Landvermessung zu studieren. Als Musiker und Komponist und Mitglied einer Gruppe von Künstlern geriet er in der Bezirkshauptstadt Gera in das Blickfeld der Stasi. Blieb jedoch - nicht zuletzt wegen erfolgreicher Theater- und Musikprojekte - weitgehend unbehelligt. Die deutlichen Warnungen und Ermahnungen konnte er aber nicht ignorieren. Der (vermeintlich!) beste Freund war IM und bekam monatlich Geld von der Stasi. Herbert selbst war mehr und mehr von Depressionen und damit verbundener Arbeitsunfähigkeit bedroht, so dass er sich 1988 entschloss, auf illegalem Wege die DDR zu verlassen.

Die Musik zur Geschichte

2013 wurde in Solingen das Festival "Verwehte Töne" im Kunstmuseum Solingen veranstaltet. Ausgehend von dem Motto des Festivals erhielt Herbert A. Mitschke auf Initiative von Andreas Schäfer den Auftrag, eigene Kompositionen für Flöte und Akkordeon als "Variationen über Norbert Glanzberg" (einen jüdischen Komponisten) zu schaffen und uraufzuführen (02.10.2013 mit Ruthilde Holzenkamp und Sprecherin Claudia Gahrke). Notenmaterial von Glanzbergs Kompositionen war nicht vorhanden, so dass die Kompositionen keine Variationen über Glanzberg geworden sind, sondern lediglich einzelne kleine Bruchstücke Verwendung fanden. Die so entstandenen Stücke erinnern an Norbert Glanzberg; nicht mehr und nicht weniger. Ein Teil dieser Werke sowie einzelne zu anderen Gelegenheiten entstandene Kompositionen von Mitschke werden als Bindeglieder/Kommentare zwischen den einzelnen Sprechszenen gespielt. Sie bilden eine kompositorisch-musikalische Erweiterung zum textlichen Teil.

Nachfolgend ein Auszug aus der Komposition "Kumpeltod Finale" vom Januar 2016 - gewidmet Ruthilde Holzenkamp:

KUMPELTOD Herbert A. Mitschke Finale Musik Flöte Akkordeon

Ruthilde Holzenkamp (Akkordeon)

Ruthilde Holzenkamp Akkordeon
Die Musikerin Ruthilde Holzenkamp studierte Musik an der Hochschule für Musik in Detmold, Hauptfach: Akkordeon. Sie ist eine sehr vielseitige Musikerin, die in verschiedenen Ensembles und als Musikpädagogin tätig ist. Sie war Mitwirkende bei mehreren Foren der "Else Lasker-Schüler Gesellschaft" Wuppertal und musizierte zusammen mit Herbert A. Mitschke bei "Leben! Oder Theater?" und bei "Mein Herz schlägt wieder" (beides Regie: Andreas Schäfer). Gastspiele in Israel, Österreich, Berlin u.a.

 

Bodo Primus (Sprecher)

Bodo Primus Sprecher WDR Köln
Bodo Primus, geboren in Berlin. Schauspiel-Engagements in Münster, Essen, Krefeld, Gelsenkirchen, Düsseldorfer Schauspielhaus unter Stroux und Städtische Bühnen Köln. Seit 1962 auch Rundfunk und Fernsehtätigkeit. Hörspiel, Rezitation, Feature, Literatur, Lifeauftritte usw. Seit 1970 freier Schauspieler. 2004 in Bonn am Contrakreis wieder auf der Bühne. Viele Hörbücher, u. a. Edgar Hilsenrath: „Der Nazi und der Frisör“. Dafür „Deutscher Hörbuchpreis 2006“. Sprecher bei "Leben! Oder Theater?" und bei "Mein Herz schlägt wieder". Gastspiele in Israel, Österreich, Berlin u.a.

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